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Polypropylen (PP) 3D drucken: Was funktioniert und was nicht

Stand: April 2026 · Lesezeit: ca. 4 Minuten

Polypropylen ist einer der meistverwendeten Kunststoffe in der Industrie. Lebensmittelverpackungen, Laborgeräte, Scharniere, Behälter – PP ist überall. Im FFF 3D Druck zählt es jedoch zu den anspruchsvollsten Materialien. Die Gründe dafür sind physikalischer Natur, und sie lassen sich nicht mit einfachen Tricks umgehen.

Warum PP im 3D Druck so schwierig ist

Drei Eigenschaften machen Polypropylen zum Problemkind des FFF Verfahrens:

  • Extreme Schwindung: PP schwindet beim Abkühlen um 1,5–2,5 %. Zum Vergleich: PLA liegt bei 0,3–0,5 %, PETG bei 0,4–0,7 %. Diese hohe Schwindung führt zu starkem Verzug, besonders bei größeren Bauteilen. Ecken lösen sich vom Druckbett, Flächen wölben sich, und Maßhaltigkeit ist nur schwer erreichbar.
  • Geringe Druckbetthaftung: PP haftet auf nahezu keiner gängigen Druckbettoberfläche. Glas, PEI-Federstahl, Buildtak – nichts davon funktioniert zuverlässig. Die einzige bewährte Lösung ist eine PP-Folie als Druckunterlage oder ein spezielles Adhäsionsmittel. Der Grund: PP ist extrem unpolar und geht keine Verbindung mit polaren Oberflächen ein.
  • Schlechte Schichthaftung: Die Verbindung zwischen den einzelnen Druckschichten ist bei PP schwächer als bei den meisten anderen Filamenten. Das Ergebnis: Bauteile delaminieren unter mechanischer Belastung entlang der Schichtgrenzen.

Wann PP trotzdem die richtige Wahl ist

Trotz aller Schwierigkeiten gibt es Anwendungen, in denen kein anderer Kunststoff PP ersetzen kann:

  • Chemikalienbeständigkeit: PP widersteht Säuren, Laugen und den meisten Lösungsmitteln. Für Behälter, Adapter oder Halterungen im Laborbetrieb gibt es oft keine Alternative.
  • Lebensmitteltauglichkeit: PP ist für den Lebensmittelkontakt zugelassen und geschmacksneutral. Prototypen für Verpackungen oder Dosierelemente müssen aus dem Zielmaterial gefertigt werden, um aussagekräftige Tests zu ermöglichen.
  • Lebende Scharniere: PP ist der einzige gängige Thermoplast, der dünne Filmscharniere ermöglicht, die hunderttausendfach gebogen werden können, ohne zu brechen. Schnappverschlüsse, Klappdeckel und Scharniergehäuse erfordern PP.
  • Geringe Dichte: Mit 0,9 g/cm³ ist PP leichter als Wasser und der leichteste gängige Thermoplast. Für gewichtsoptimierte Funktionsteile ein relevanter Vorteil.
  • Recyclingfähigkeit: PP (Recycling-Code 5) ist das einzige gängige FFF-Material, das weltweit nicht nur recycelbar ist, sondern tatsächlich in industriellem Maßstab recycelt wird. Die Alternativen schneiden hier schlecht ab: PETG kann nicht in den PET-Recyclingstrom rückgeführt werden, da das enthaltene Glykol den gesamten Strom kontaminiert. Für PLA existieren keine industriellen Recyclingströme. ABS läuft unter Recycling-Code 7 („Sonstige“) und landet faktisch auf der Deponie. Wer Bauteile für eine geschlossene Kreislaufwirtschaft entwickelt oder Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen muss, kommt an PP nicht vorbei.

Druckvoraussetzungen für PP

Wer PP zuverlässig drucken will, braucht einen geschlossenen 3D Drucker mit beheiztem Bauraum. Ein offener Rahmen scheidet aus – Zugluft und Temperaturschwankungen verstärken den ohnehin extremen Verzug. Die konkreten Anforderungen:

  • Bauraumtemperatur: 40–55 °C. Temperaturen oberhalb von 60 °C wirken sich negativ auf die Festigkeit aus – große Bauteile sacken unter ihrem Eigengewicht zusammen. Ein passiv geschlossener Bauraum reicht in der Regel aus.
  • Druckbett: PP-Folie als Unterlage oder spezielles PP-Adhäsionsmittel. Herkömmliche Beschichtungen versagen.
  • Düsentemperatur: 200–260 °C, je nach Compound und Hersteller.
  • Druckgeschwindigkeit: Niedrig (20–40 mm/s). Schnelleres Drucken erhöht die inneren Spannungen und damit den Verzug.
  • Bauteilkühlung: Wenig – 0 bis 20 % im Normalbetrieb. Bei Überhängen und Brücken auf 80–90 % erhöhen.
  • Filamenttrocknung: PP ist kaum hygroskopisch – in unserer Praxis konnten wir keine relevante Feuchtigkeitsaufnahme feststellen. Eine Trocknung vor dem Druck ist in der Regel nicht erforderlich.

Alternativen zu PP: Wann PA oder PETG die bessere Wahl sind

In vielen Fällen wird PP gewählt, weil es das bekannte Material aus dem Spritzguss ist – nicht weil die spezifischen Eigenschaften zwingend gebraucht werden. Es lohnt sich, die Anforderungen genau zu prüfen:

Wenn mechanische Festigkeit und Wärmebeständigkeit im Vordergrund stehen, ist PA6 oder PA6 CF die deutlich bessere Wahl. PA6 CF erreicht 170 MPa Zugfestigkeit und 200 °C Wärmeformbeständigkeit – bei erheblich einfacherer Verarbeitung im FFF Verfahren. Wenn es nur um chemische Beständigkeit im moderaten Temperaturbereich geht, deckt PETG viele Anforderungen ab: beständig gegen verdünnte Säuren und Laugen, lebensmittelecht und problemlos druckbar auf jedem geschlossenen Drucker.

Materialvergleich: PP vs. PA6 vs. PETG

EigenschaftPPPA6PETG
Zugfestigkeit30–40 MPa70–85 MPa50 MPa
Wärmeformbeständigkeit100 °C180 °C (getempert)75 °C
Schwindung1,5–2,5 %0,7–1,5 %0,4–0,7 %
ChemikalienbeständigkeitHervorragendGutGut
LebensmitteltauglichkeitJaBedingtJa
Lebende ScharniereJaNeinNein
Dichte0,9 g/cm³1,13 g/cm³1,27 g/cm³
DruckbetthaftungSehr schlechtMäßigGut
VerzugsneigungSehr hochHochGering
Erforderlicher BauraumGeschlossen + beheiztGeschlossen + beheiztOffen oder geschlossen

Praxishinweise

Wer PP drucken muss – weil die Anwendung es erfordert – sollte folgende Punkte beachten:

  • Bauteilgeometrie anpassen: Große, flache Teile verziehen sich am stärksten. Verrundungen, gleichmäßige Wandstärken und Versteifungsrippen reduzieren den Verzug erheblich.
  • Langsam abkühlen: Nach dem Druckende den Bauraum nicht sofort öffnen. Das Bauteil sollte langsam im geschlossenen Bauraum auf Raumtemperatur abkühlen, um Spannungsrisse zu vermeiden.
  • Maßtoleranzen einplanen: Die hohe Schwindung macht enge Toleranzen schwierig. Rechnen Sie mit ±0,5 % und planen Sie Passungen entsprechend überdimensioniert. Weitere Informationen zu erreichbaren Toleranzen finden Sie in unserem Toleranzleitfaden.
  • Füllstruktur und Wandstärke: Mindestens 3 Wandlinien und 20–30 % Füllung. Zu dünne Wände verziehen sich stärker, zu hohe Füllung erhöht die inneren Spannungen.
  • Kein Überhang ohne Stützstruktur: PP bildet unsaubere Überhänge. Ab 30° Neigung sind Stützstrukturen empfehlenswert – die sich allerdings aufgrund der schlechten Schichthaftung relativ leicht entfernen lassen.

Fazit

PP im FFF 3D Druck ist machbar, aber kein Standardmaterial. Wer Chemikalienbeständigkeit, Lebensmitteltauglichkeit oder lebende Scharniere braucht, kommt an PP nicht vorbei. Für alle anderen Anforderungen gibt es einfacher druckbare Alternativen, die im FFF Verfahren bessere Ergebnisse liefern. Entscheidend ist in jedem Fall ein geschlossener, beheizter Bauraum – ohne diese Grundlage scheitert PP zuverlässig.

Über Meltingplot

Meltingplot ist ein familiengeführtes Unternehmen mit Sitz in Kiel. Wir entwickeln und fertigen industrielle FFF-Großformatdrucker für den produzierenden Mittelstand in Deutschland — Maschinenbau, Werkzeugbau, Sondermaschinenbau und deren Zulieferer. Dazu bieten wir Hochleistungsfilamente an, die wir gemeinsam mit spezialisierten Materialpartnern auf unsere Drucker abgestimmt haben.

Wer bei uns anruft, spricht mit dem Ingenieur, der die Maschine entwickelt hat. Entwicklung, Fertigung und Kundendienst der Drucker liegen in einer Hand — wer entscheidet, nimmt auch das Telefon ab. Das ist die Arbeitsweise, die zu den Betrieben passt, für die wir bauen.

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